Tag 19 Creglingen nach Hemmersheim
Kein Frühstück. Nach der gestrigen Pleite mit Bäcker, habe ich vorsorglich was eingekauft. Am Schrägwehr vorbei verlasse ich gegen halb acht Creglingen und quere die Tauber. Es geht es auf Wald- und Wiesenwegen statt auf dem Radweg tauberabwärts bis Klingen. An einem Spielplatz in Klingen mit schattigen Bänken lasse ich mich für mein Frühstück nieder. Die ersten Taubertalradler sausen auf dem nahen Radweg talauf- und -abwärts an mir vorbei. Die meisten augenscheinlich mit E-Bikes.
Der Radweg hat mich wieder. Es geht auf ebener Trasse in Richtung Biebergehren. Wenig später finde ich heraus, warum der Weg so eben ist. Ich stehe an einem alten Bahnhofsgebäude der ehemaligen Trasse Ochsenfurt/Bayern nach Creglingen/Württ. Die Gleise samt Bahnsteig liegen hier in Württemberg, das Bahnhofsgebäude selbst schon in Bayern. Eine geplante Verlängerung der Bahn nach Rottenberg wurde in den 1910er Jahren zwar geplant aber von den bayerischen Staatsbahnen nie verwirklicht. Der Personenverkehr wurde Anfang der 60er Jahre und der Güterverkehr – hauptsächlich Zuckerrüben – Anfang der 90er Jahre endgültig eingestellt und die Trasse in einen Radweg umgewidmet. Toll für Radler.
In Biebergehren heißt es Abschied vom Taubertal nehmen. Ich mache mich in nordöstlicher Richtung durch Gollachtal in Richtung Aub auf. Immer auf Schotter- oder Wiesenwegen erreiche ich eine Abzweigung, von der es entweder 5 oder 5,5 Kilometer nach Aub, mein Zwischenziel, sind. Einmal über den Kunigundenstein und -kapelle oder wohl direkt. Was zum Henker ist der Kunigundenstein? Keine Ahnung, aber das finde ich raus. Also links ab den Berg rauf. Kapellen sind oft auf Anhöhen. Ob man damit dem Herrgott näherkommen wollte?
Wenig später stehe ich vor der vollständig ummauerten Kirche. Nix Kapelle. Die im Jahr 1200 heilige gesprochene Kunigunde (+ 980; + 1033), Ehefrau Kaiser Heinrichs II. (* 973; + 1024), gilt als Stifterin dreier Kapellen. Angeblich soll Kunigunde in Bamberg drei Schleier mit dem Gelübde in den Wind geworfen haben, an den Stellen, an denen sie den Boden erstmals berühren, eine Kapelle zu erreichten – wohl besser errichten zu lassen. Geld hatte sie ´ja, war sie nach Heinrichs II. Tod doch für kurze Zeit Regentin des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen. Da dürften drei Kapellen nicht ins Gewicht fallen. Die drei Kapellen sind allerdings ca. 100 Kilometer voneinander entfernt. Was der Wind so alles mit Schleiern von Heiligen anrichtet?
Aber wieso wurde die Kaiserin Heilige? Gerüchte über Ehebruch Kunigundes hat sie durch ein Gottesurteil – barfuß unverletzt über glühende Kohlen laufen – abgewehrt. Ihre Ehe mit Heinrich II. blieb allerdings kinderlos, so dass die Ottonen im Mannesstamm ausstarben. Ihr Ehemann wurde übrigens bereits im Jahre 1146 ebenfalls heiliggesprochen, da die Ehe als sogenannte Josefsehe ja kinderlos blieb. Sie musste über glühende Kohlen laufen und er … Wahrscheinlich wurde er eher aus politischen Gründen heiliggesprochen, da er sich der Ostkolonisation verschrieb und seine Italienpolitik papstfreundlich blieb. Oder bleiben musste, da er sich in andauernden kriegerischen Konflikten mit dem polnischen König befand. Im Kunigundenstein aus massiven Kalkgestein kann man angeblich beide Hand- und Fußabdrücke sowie den Abdruck ihres Gesäßes erkennen. Ob sie so schwer war? An so einem Ort lässt sich im Schatten nach gut der Hälfte Wegstrecke gut Pause machen. Vielleicht springt ja was über? Wer weiß?
Allzulange halte ich mich aber nicht auf. Es geht weiter nach Aub. Hier fällt mir auch wieder das HW4 Zeichen ins Auge. Ich folge einem Schotterweg, der plötzlich in südlicher Richtung als Wiesenweg wieder steil ins Gollachtal führt. Ich quere die Gollach und stehe wenig später an einer verfallenen Mühle, die im 17 Jhdt. von einem Hochwasser wegeschwemmt wurde. Da lediglich Mauerreste sowie wenige Mauerteile des Mühlkanals übrig geblieben waren, wurde sie nicht wieder aufgebaut und als Steinbruch genutzt.
Immer bachaufwärts zweigt der Anstieg zur Reichelsburg, im Besitz des bayrischen Staats, ab. Die Burg ist zwar nur mehr Ruine, aber frei zugänglich. Der Bergfried steht noch sowie ein paar Mauerreste von Gebäuden und beide Halsgräben sind im Gelände noch sehr gut zu erkennen. Dreißig Minuten später lasse ich mich vor dem Auber Schloss auf eine Liege fallen und leere den Rest meines Wasservorrates. Mein Plan, in Aub was zu Essen, scheitert mangels Gaststätte. Lediglich ein Café hat bis 12:30 Uhr geöffnet. Rein und einen wirklich wohlschmeckenden Kuchen geordert. Ein Heißgetränk gibt es auch dazu. Laut komoot sind es noch 3 Kilometer bis zum Ziel nordöstlich - Hemmersheim.
Aub verlasse ich am alten jüdischen Friedhof vorbei auf einen kleinem Weg an einem Bach entlang. Mein Telefon klingelt und die Wirtin berichtet, ich könne mein Zimmer schon vor 15 Uhr beziehen. Ich kündige mich für 14 Uhr an, ist es doch gerade viertel nach eins. An einem Weiher vorbei komme ich auf Feldwegen nach Hemmersheim. In Hemmersheim gibt es nur einen Straßennamen „Dorfstraße“ und Hausnummern. Komoot zeigt „57“ etwa 500 Meter nordöstlich des Ortskerns. Schnell finde ich die Dorfstraße. Die Hausnummern sind bunt gemischt 13 seht neben 22 und auch die übliche Trennung von geraden und ungeraden Hausnummer an einer Straße existiert nicht. Ich frage zwei Passanten, die aus einem Haus kommen, nach „57“, was mit Schulterzucken erwidert wird. Erst auf meinen Hinweis „Adlershof“ werde ich mit dem Hinweis, die sei das alte Gasthaus „Adler“, in die entgegengesetzte Richtung geschickt. Fünf nach zwei klingele ich. Nix. Ich öffne das Hoftor, sehe mich um und gehe rein. Wieder nix. Schließlich rufe an. Die Haustür geht auf und wir lachen, als wir sehen, dass wir miteinander telefonieren. Mir wird mein Zimmer und das Haus gezeigt und eine Dusche später, erkunde ich den Ort.
Im Ort gibt es nix, gar nix. Feuerwehr, Kindergarten, Kirche und Bushaltestelle an der wochentags morgens und nachmittags je zwei Busse nach Ochsenfurt fahren. Samstag je einer. Sonntags keiner. Ein Radtourist, der langsam die Hauptstraße entlang fährt, schaut sich fragend um. Ich frage, was er suche. Er sagt, er suche ein Quartier. Scheint hier in Unterfranken nicht so einfach zu sein. Ich sage, ich bin im „Adlerhof“ untergekommen. Da könne er fragen. Tatsächlich findet er dort noch ein Zimmer.
Heute bin ich in knapp 4 Stunden fast 19 Kilometer dem Oberziel Würzburg nähergekommen.