Tag 20 Hemmersheim nach Goßmannsdorf am Main
Nach dem Frühstück mache ich um 8 Uhr los. Mit einem kleinen Irrtum – ich gehe zuerst in die falsche Richtung – komme ich auf den richtigen Weg. Ich stelle erfreut fest, es ist wärmer als gedacht, so dass meine leichte Regenjacke im Rucksack verschwindet. Ein Wiesenpfad durch hohes Gras an einem Weidezaum entlang führt zu einer von der Straße Ort nicht sichtbaren Brücke. Ich überquere die Brücke und komme zu dem Weg auf dem ich gestern gekommen bin. Ich wandere bei strahlendem Sonnenschein auf Feldwegen Richtung Gülchsheim. Die HW4 Markierung taucht wieder auf und verschwindet nach ein paar hundert Metern an der nächsten Abzweigung auch wieder. An den Teichen vor Gülchsheim fliegt eine Schaar Nilgänse auf. Die habe ich wohl verschreckt.
In der Ortsmitte ist auf den Verkehrsschildern schon Würzburg angeschrieben. Aus dem Ort immer nordwestwärts auf geteerten Feldwegen – der HW4 kommt wieder – komme ich zügig nach Höpferstadt. Beim Vereinsheim am Sportplatz am Ortsrand sitzen 10 Frauen im Alter 65 aufwärts. Ich muss grinsen, als die mich als „der Wandersmann“ begrüßen. Ich kann nicht an mich halten und erwidere: „Ich will nicht despektierlich erscheinen, aber ihr sitzt da, wie die Hühner auf der Stange.“ Allgemeines Gelächter und ich werde nach dem woher und wohin gefragt. Ich erwidere, ich komme aus Hemmersheim und ich wolle heute nach Goßmannsdorf, das sei doch in die Richtung. Die meisten nicken und wünschen mir einen guten Weiterweg.
In Höpfersheim sind die ersten Radwegeschilder mit Würzburg, mein heutiges Quartier, zu finden. Stur nordwärts verlasse ich den Ort auf Feldwegen. Die Sonne scheint, die Feldlerche zwitschert und keine Bauern mit großen Traktoren stauben mich ein. Ich folge dem HW4 durch die Feldmark. Getreideanbau dominiert. Irgendwo in nicht allzu weiter Ferne sehe ich den ersten Mähdrescher werkeln. An einer Feldwegekreuzung mit Radwegecharakter sind Gaukönigshofen, Ochsenfurt und Würzburg zu lesen. Ich muss mich entscheiden. Gaukönigshofen ist ganz sicher falsch. Würzburg reizvoll, aber weitere 18 Kilometer. Also folge ich dem Weg in Richtung Ochsenfurt.
Wenig später an einem Wäldchen nach gut 12 Kilometern steht am Waldrand ein Bänkchen im Schatten. Dort stille ich meinen Durst und verdrücke auch einen langsam dahinschmelzenden Schoko-Bananen-Müsliriegel, der noch aus Creglingen übrig ist. Ich ziehe Schuhe und Socken aus, lasse die Sonne drauf scheinen und blicke entspannt in die Landschaft. Die Sonne strahlt und hier wird Getreide für Weizenbier – wie ein Schild verrät – angebaut.
Nach einer guten viertel Stunde geht es weiter. Der geteerte Weg führt in der Sonne am östlichen Waldrand weiter. Mir wird es zu warm. Umweg? Klar, rein in den Wald, oder? Umweg, ja da es im Wald schattig ist und der Weg aus Waldboden besteht. Also rein in den Wald. Im Zickzack und mit der „zur Waldecke und dann am Waldrand westlich weiter“ Orientierungsmethode, welche ich die durch häufige Nutzung von komoot schon beinahe verlernt hatte, komme ich an eine Kapelle. Die Franken sind offensichtlich große Kapellenstifter. Diese ist von einem als ausgezeichneten Schützen bekannten Jäger nach seinem Tode gestiftet worden. Angeblich hat in den 1920ern am späten Abend – es war bereits sehr dämmerig - mehrmals auf ein großes, schwarzes, katzenähnliches Tier geschossen, das aber einfach nicht umfallen wollte. Als er dann erneut schoss, sei es plötzlich aufgeflogen. Er war sich sicher, dies muss der Teufel persönlich gewesen sein. Hmm? Kurz vor Kriegsende hätten die Amerikaner dazu die Kapelle aus unbekannten Gründen nur aus einer Richtung stark beschossen – man sieht tatsächlich auf einer Seite deutliche Einschussspuren an der Fassade - das Dorf selbst aber nicht. Die Kapelle ist tipptopp renoviert und angestrichen. Die Familie, auf deren Grund sie steht, pflege sie mit Hingabe wie eine Tafel verrät.
Hohestadt ist schnell durchwandert. Beim Abstieg nach Goßmannsdorf, kurz vor Ochsenfurt stoße ich wieder auf die alte Bahntrasse Ochsenfurt nach Creglingen. Der HW4 hat mich schon vor Hohestadt wieder. Es geht durch Goßmannsdorf. Mitten durch den Ort fließt noch ein offenes Bächlein. Den Stier von Goßmannsdorf, eine monumentale Steinplastik aus der NS-Zeit, auf dessen Rücken ein kräftiger Mann reitet, lasse ich mir entgehen, fehlt doch das Gegenstück, die Frau auf dem Pferd. Ich habe, glaube ich, genug NS-Kunst gesehen, aber mir wird der große ehemalige Steinbruch, an dem ich am Ortseingang vorbeikam, erklärlich. Das Areal hat nun Danoné in Beschlag genommen. Leider liegt der kleine Bahnhalt am äußersten nordwestlichen Dorfrand an der viel befahrenen St2418.
Beim Blick auf die Bahn-App stelle ich fest, dass der Zug stündlich fährt, ich ihn aber um 10 Minuten verpasst habe. Ein paar schnellere Schritte hätten also nicht geschadet. Also warten. In Würzburg führt mich mein Weg vom Hotel direkt am Bahnhof, wo ich nur meinen Rucksack lasse, zuerst zur alten Mainbrücke. Einer alten Tradition folgend führt mich erster Weg am Dom vorbei zur alten Mainbrücke, einen Weißen trinken. Mit dem Weinglas in der Hand lausche ich auf einer von der Sonne gewärmten Steinbank sitzend den Fremdenführern, die eine Vielzahl Gäste an einem der topspots Würzburgs mit Blick auf Dom und Marienburg vorbeischleusen. Auf dem Weg zum Hotel beschließe ich, wo ich zu Abend essen werde. Eine Dusche später sitze ich genau da. Im Freien unter einem Sonnenschirm. Zur Unterhaltung gibt es das unvermutete 0:0 Spaniens gegen die tapfer kämpfenden Kap Verder.
Heute bin ich in gut 3,5 Stunden gut 19 Kilometer dem Ziel Würzburg nähergekommen, auch wenn nur zur Übernachtung.