Wie kam es dazu, dass ich mich entschloss Deutschland in einem Kalenderjahr einmal von Süd nach Nord von zu durchwandern? Nun die Idee reifte im Sommer letzten Jahres kurz vor meiner Zurruhestandssetzung. Bei einer Wanderung im Jahr zuvor, war ich einem Mann begegnet, der den Moselsteig nach seiner Pensionierung in vier Wochen in kompletter Länge durchwandern wollte. Ich hoffe, er hat es geschafft. So kam ich auf die Idee einer Weitwanderung und die Idee mein Heimatland einmal von unten nach oben zu Fuß zu durchqueren, schien irgendwie ein logisches Ziel.
Ich durchforste das Internet, ob es einen Weg gebe, der einmal durch ganz Deutschland führte. Leider hatte ich dabei keinen Erfolg. Es gibt zwar ein Projekt, das eine Wanderung durch Deutschland darstellt, aber diese verbindet bestehende ausgeschilderte Wanderwege. Dem wollte ich nicht folgen. So wurde die Idee geboren, von Oberstdorf, dem südlichsten Dorf Deutschlands, nach List auf Sylt, dem nördlichsten Dorf, zu wandern.
Anfangs hatte ich die Idee der geraden Kompasslinie zu folgen. Doch diese Idee verwarf ich auch aus Konsistenzgründen wieder. Kompasslinie hätte bedeutet, Flüsse zu durchschwimmen, Autobahnen und Bahnlinien an nicht dafür vorgesehen Stellen zu queren und in Ortschaften wäre es ohnehin problematisch geworden. Klingeln und fragen, ob ich durch Wohnzimmer dürfe, war keine wirkliche Option. Also nicht Kompasslinie. Nur auf Wegen? Nach Gesprächen mit Sektionskollegen entschied ich mich einer klaren Linie zu folgen. Ich bleibe auf Wegen – quer über bewirtschaftete landwirtschaftliche Flächen oder durch Wälder und Parks sollte es nun auch nicht sein. Auf Wegen bleiben, ist eine konsequent umsetzbare Lösung.
Wo aber genau starten und wo enden? Ich entschied mich als Startpunkt für den südlichsten Haltepunkt des öffentlichen Nahverkehrs südlich Oberstdorf im Stillachtal und als Endpunkt die Nordspitze von Sylt.
Bleib es als letzte Fragestellung. Am Stück oder in Etappen? Am Stück wäre reizvoll, aber die Gesamtstrecke beträgt ca. 1.100 Kilometer. Dafür habe ich ca. zwei Monate veranschlagt, aber im Kalender mit den ganzen Verpflichtungen konnte ich dieses Jahr einfach kein „2-Monats-Fenster“ finden. So blieb nur in Etappen übrig. Als Zwischenziele sind vorgesehen: Ulm, Aalen, Würzburg, Bebra, Göttingen, Hildesheim, Celle und Hamburg, bevor es nach Sylt geht.
Tag 1 Alpe Eschbach nach Oberstdorf
Heute geht es los. Meine S-Bahn soll um 7:04 Uhr fahren und dann soll ich in Esslingen, Wendlingen und Ulm umsteigen. Laut Fahrplan bin ich um 11:21 Uhr in Oberstdorf und ich bekomme den Bus ins Stillachtal um 11:35 Uhr. So könnte ich kurz vor 12 Uhr an der Alpe Eschbach, der letzten Bushaltestelle starten. Die Zeit umzusteigen, wollte ich nutzen mein Gepäck für die kommenden Tage im Oberstdorfer Bahnhof ins Schließfach einzuschließen. Schließlich würde ich wieder nach Oberstdorf zurückkehren und brauchte für diesen trockenen bewölkten Tag keine Übernachtungsgepäck. Warum unnötig tragen? So zumindest der heutige Plan.
Statt um 6:30 Uhr bin ich schon um 5:45Uhr wach. Macht nicht´s denke ich mir. Das ist die Anfangsnervosität. Stehe ich halt früher auf und nehme die Bahn um 6:47 Uhr. Schafft auch Sicherheitspuffer. Also Frühstück zu Hause statt unterwegs und dann stehe ich pünktlich am Bahnhof. Die Bahn hat Verspätung, aber in Esslingen habe ich ja gut 20 Minuten Umsteigezeit. Zum Glück habe ich mich für die frühere Bahn entschieden, denn als mein Zug in Esslingen losfährt, erreicht die S1 gerade Esslingen. Das wäre wahrscheinlich schief gelaufen. In Wendlingen raus. Auf dem gleichen Bahnsteig wartet der Zug nach Ulm schon. Über die neue Schnellbahntrasse geht es nach Ulm. Dort kommen wir verspätet ab und wegen einer Baustelle auf der eingleisigen Strecke komme wir um 11:36 Uhr in Oberstdorf an. Bei der Fahrt von Immenstadt schaue ich aus dem Fenster, werde ich dort die Bahnstrecke doch immer wieder beim Wandern in den Blick bekommen.
Ich sehe den Bus ins Stillachtal noch anfahren, gerade als ich den Zug verlasse. Wann geht der Nächste? In genau zwei Stunden. Also ab zur Unterkunft, das Gepäck abstellen. Haus Partale ist schnell gefunden. Leider ist niemand da und den Schlüsselkasten bekomme ich ohne Code nicht auf. Mein Mailprovider lässt mich nicht rein, so dass ich meine Mails nicht prüfen kann. Ein Anruf wird nicht beantwortet. Kein Problem, rufe ich später noch mal an. Wird schon. Erst mal zurück zum Bahnhof, einen Espresso trinken und die Schließfächer suchen. Die Schließfächer finde ich im zweiten Anlauf und der Espresso im kleinen Café ist wirklich gut und Bücher haben sie auch. Einen Oberstdorfkrimi lese ich an. Liest sich spannend. Dann habe ich Hunger. Ein Metzger verkauft mir eine leckere Leberkässemmel. E-Mails gecheckt und erneuter Anruf. Leider ohne Ergebnis. Wird was werden. Während des Wartens erreiche ich den Vermieter, der mir zusichert, er schicke mir den Code per SMS. Ich warte.
Leider gilt das Deutschlandticket beim Bus in die Täler bei Oberstdorf nicht. Also Kleingeld raus. Ich bin der einzige Fahrgast des halb zwei Busses, der bis zur Endstation fährt und ja, ich habe das Gepäck dabei. Sind ja nur 12 Kilometer und der Rucksack wiegt, dank Pensionszimmer, nur gut 5 Kilogramm. Das versprochene Foto vom Startpunkt wird um 13:55 Uhr gemacht und nach einem Rundumblick geht es nun los.
Immer der Stillach nord- und damit talauswärts folgen. Erscheint einfach. Ist es auch. Nach wenigen Meter auf der Fahrstraße biegt der Weg nach rechts auf einen geschotterten Wanderweg ab. Kurz vor Anatswald kreuze ich die Straße und überquere die Stillach, bevor ich am nicht in Betrieb befindlichen Fellhornlift in Faistenoy vorbei gut voran zur Skiflugschanze komme. Auch die hat leider zu, sieht aber auch von unten imposant aus. Würde ich da runterspringen? Ganz sicher nicht. Am Freibergsee erfolgt der einzige nennenswerte Anstieg und ab da geht es immer nur noch, manchmal steil, bergab. Das Wetter klart auf und die 50%ige Regenwahrscheinlichkeit des Wetterberichts wird sich mit Sicherheit nicht einstellen. Langsam bekomme ich Durst, habe aber vergessen meine Trinkflasche zu befüllen und weder am Fellhornlift noch an der Schanze war der Verkaufstand offen.
Über das flache Wiesengebiet südlich Oberstdorf komme ich ins Dorf. Das „Hotel Mohren“ kommt mir gerade recht. Ein Kaltgetränk im Schatten stillt meinen größten Durst. Weitere 10 Minuten später bin ich wieder am Bahnhof und weiß, wo ich heute Abende Essen werde: Dampfbierbrauerei. Keine SMS gekommen. Also zur Unterkunft. Nun bekomme ich den Code telefonisch und damit an den Schlüssel. Rucksack geleert und schnell nach gut elf Kilometern unter die Dusche.
Gegen halb sieben sitze ich in der Dampfbierbrauerei. Direkt am Braukessel. Zuerst was Nichtalkoholisches, habe ich doch Durst. Dann was zu Essen bestellt und ein Helles. Irgendwie bin ich doch ziemlich müde. So liege ich gegen zehn im Bett.
Tag 2 Oberstdorf nach Immenstadt-Stein
Heute soll es eigentlich nur bergab nach Immenstadt gehen. Lange Etappe. Mehr als 23 Kilometer. Noch am gestrigen Abend habe ich umgeplant und so komme nur mit 21 Kilometer aus. Von der Unterkunft, nur mit leichtem Gepäck, nicht über den Bahnhof zur Breitach, sondern über die Bahnlinie und der Trettach abwärts zum Illerursprung, den Zusammenfluss von Trettach, Stellach und Breitach, in Richtung Rubi. Auf dem gut zum Radweg ausgebauten Illerdamm komme ich ab 8:30 Uhr gut voran. Da es kein Frühstück gab, entschließe ich mich nach Illerquerung kurz vor zehn Uhr durch den Kurpark nach Fischen zu gehen. Dort gibt es sicher einen Bäcker, wo es frisches Backwerk und ein Heißgetränk gibt. So ist es. Auch eine Bildzeitung wird mir nach höflichem Fragen zur Lektüre überlassen. Wenig später zurück an der Iller fallen mit Holzschnitzel an Bäumen auf. Bei genauerem Hinsehen sehen die wie von Bibern abgenagt aus. Ein Foto? Dafür muss sich den Hang rauf. Beim runter vertrete ich mich. Ich humple ein paar Meter. Wird schon gehen, entschiede ich. Ein paar hundert Meter wird an einer Tafel, die den Biber als hier wieder angesiedelt beschreibt, Gewissheit.
Gestärkt mache ich mich auf, am Grundbach bachabwärts weiter nach Norden zu gehen. Das Tempo ist hoch. Der Weg ist entweder geteert oder besteht aus Feinschotter. Die Iller immer rechts lassend geht es weiter. In Tiefenbach versperrt eine Baustelle den Weiterweg. Der Radweg wird neu gebaut. Ich weiche über einen Wiesenweg mit Blick auf den Grünten von Süden und die ehemalige Sonthofener Ordensburg aus. Die nächste Baustelle lässt nicht lange auf sich warten. Meine Frage, ob ich als Fußgänger vorbeikomme, wird verneint und der Weiterweg als Umweg beschrieben. Da der Radweg aber an einer Wiese weiter zu führen scheint, lasse ich den Rat des Mitarbeiters des Wasserwirtschaftsamtes ungehört. Gehe ich halt ein Stück über die Weise, so der Ausweichplan. Tatsächlich geht das einwandfrei. In Sonthofen begrüßt mich die dortige Kletterhalle. Leider komme ich nicht rein, da vor 17 Uhr der Zugang nur mit Codekarte möglich ist. Was zu trinken hätte ich schon gekauft. Nur Wasser ist auf Dauer auch eintönig. Aber geklettert wird an den Außenwänden viel. Zwei VW-Busse einer lokalen Bergschule dürften der Grund hierfür sein.
Die nächste Baustelle erfordert in Sonthofen eine Flussüberquerung. Auf einem schönen Wiesenweg geht es immer weiter flussabwärts. Immer wieder zweigen kleine Pfade vom Radweg ab., denen ich neugierig folge. Tolle Blicke auf die Iller. Ich komme ins Schwärmen. Das Wetter tut ein Übriges zum Wohlbefinden. Am Hauptweg stehen eine Vielzahl Tafeln, die was zur Hochwasserverbauung, Renaturierung und Flora und Fauna erklären. Immer wieder komme ich an Sohlschwellen, kleinen Flusskraftwerken oder natürlichen kleineren Flussverblockungen vorbei. Leider sehe ich keine Bootsfahrer. Langsam bekomme ich Hunger, so kommt in Blaichach das Schützenhaus, direkt an der Iller, um kurz vor 13 Uhr wie gerufen. Ein Getränk und einen kleinen Salat – Vitamine braucht der Wanderer – später, setzte ich meinen Weg fort. An den Immenstädter Freizeitseen entscheide ich mich, es für heute noch nicht gut sein zu lassen und nach Immenstadt-Stein weiterzugehen. Ich fühle mich fit und alles, was ich heute gehe, muss ich morgen nicht gehen, ist doch Kempten Bahnhof das morgige Ziel.
Immer an der Iller entlang, der Wächter des Allgäus ist inzwischen querab, gelange ich zum Krankenhaus, wo mich was einholt: Eine Baustelle. Genau, wieder ein Umweg. Immer an der „falschen“ Bahnseite entlang geht es einen Kilometer weiter. Das ist nicht gut. Irgendwann entscheide ich mich, die Bahnlinie ohne Übergang vorsichtig zu queren. Schließlich gelange ich zur Burg Laubenbergstein. Dort ist auch eine Bushaltestelle, die mich zum Bahnhof bringen soll. Schließlich will ich zurück nach Oberstdorf. Blick in den Fahrplan. Bus fährt erst in einer knappen Stunde. Laut Plan ist es gut einen Kilometer bergab zum Bahnhof. Das erledigt ein Fußmarsch entlang der alten B19. Zwar nicht schön aber zweckmäßig. Einen Espresso später bringt mich die Bahn nach gut 26 Kilometern zurück nach Oberstdorf.
Der Plan zum Italiener zum Essen zu gehen scheitert an dessen Ruhetag. Die Beine schwer, der Hunger groß. Dampfbierbrauerei. Was isst man zu Abend? Genau. Allgäuer Käsespatza mit Salat und ein Helles.
Tag 3 immenstadt-Stein nach Kempten
Früh alles gepackt und nach Frühstück im Bahnhof bei den Brotrebellen, die mir auch das Versperle verkaufen, stehe ich am Bahnsteig. Ich will um 7:35 Uhr mit der Bahn nach Immenstadt. Wieder der einzige Fahrgast im Bus zur Laubenbergstein. Der Fahrer weist mich, als ich gegen halb neun den Bus verlasse darauf hin, die Burg mache erst um 9 Uhr auf. Zur Burg will ich ja gar nicht, erkläre ich.
An der Kirche in Stein vorbei erreiche ich den Illerdamm, dem ich einfach nach Norden Richtung Kempten folge. Das Wetter ist wieder sonnig. Zwar hatte ich in Oberstdorf um 7 Uhr noch Reif auf den Dächern, aber inzwischen bringt die Sonne es auf bestimmt 10 Grad, so dass die oberste Schicht im Rucksack landet. Wie gestern in Hemd und Weste geht es weiter. Über Seifen und Martinszell unter der Autobahn durch führt mich der Radweg inzwischen langweilig nordwärts. Inzwischen belächle ich die alle zweihundert Meter aufgestellten Schilder der Flusskilometierung, sind sie doch ein metronomartiger Beweis, dass es vorangeht. 118,8 und wenig später 118,6 und so weiter.
Um kurz vor halb zwölf folgt eine kurze Zwangspause, habe ich mir links einen Stein eingefangen, der zu drücken beginnt. Ignorieren und der Versuch den Stein im Schuh in eine „bessere“ Position zu bringen, nützen nichts. Noch ein Stückchen. Gleich kommt eine Bank. Aber eine Bank ist nicht zu sehen. Also am Wegesrand niedergelassen, Schuh auf und Stein raus. Viel besser. Wieso nicht gleich so? Der Grünten bleibt nun hinter mit zurück. Die Allgäuer Berge wandeln sich in sanfte Gletschermoränenhügel, deren Höhe mit jedem Meter Weg nach Norden abzunehmen scheint. Das Landschaftsbild vor mit ist flach. Flach fast bis zum Horizont.
Was sagt die Uhr? Kurz nach elf. Trinken. Essen? Das halbe Brötchen? Beim Wandern werden die Gedanken klar und auf das Wenigste reduziert. Essen, Trinken, Schuh im Stein, wo und wann Pause machen? Nur kurz flackert der Ärger über eine geschäftliche Entscheidung meiner Mitgeschäftsführer auf. Dann sind die Gedanken wieder beim Wesentlichen. Ich hab´ Hunger. In zweihundert Metern, die Flusskilometrierung macht eine genaue Entfernungsschätzung einfach, steht eine Bank im Halbschatten. Hingesetzt, Rucksack ab, Wasserflasche raus und Wecken raus. Die Entscheidung fällt gegen halben Wecken. Schmeckt gut und was gegessen ist, muss nicht getragen werden. Physikalisch zwar nur begrenzt richtig, aber Last im Schwerpunk trägt sich einfacher. Auch der Inhalt der Flasche nimmt bedenklich ab. Aber Dehydrierung ist auch keine Lösung, lache ich. Und Reserve in der Flasche nützt weder Kopf noch Körper, erinnere ich mich an Ullis Spruch vor Jahren aus der Puntia Nordwand.
Kurz vor Rauns komme ich an Kiesseen vorbei. Ein knapper Kilometer wird die Iller aus ihrem verbauten Bett befreit. Hochwasserschutz und Landgewinnung haben der Iller ihr ehemals mehrere hundert Meter breites Bett genommen. Hier wurde mit schwerem Gerät das Ufer renaturiert. Sie soll wieder fließen und ihre Ufer begrenzt selbst gestalten. Sogar der Eisvogel soll hier wieder eine Chance bekommen. Gönnen wir es ihm. Am Iller-Kraftwerk in Kempten entscheide ich mich dem Radweg bis zum Hauptbahnhof zu folgen, was sich als keine gute Idee rausstellte. Ich hätte lieber die durch Eich oder der Iller folgen sollen, als dem geteerten Radwege folgen sollen. Wer vom Rathaus kommt, ist immer schlauer. Gegen 13 Uhr erreiche ich nach knapp 21 Kilometern den Bahnhof. An einem Imbiss gönne ich mir ein Würstchen und ein Getränk, bevor mich die Bahn gegen halb zwei nach Ulm bringt. Schließlich will ich das DfB-Pokal Halbfinale Stuttgart gegen Freiburg in meiner Kneipe sehen. So kommt der normale Alltag wieder zurück und Packen für den Urlaub muss ich morgen ohnehin.
Tag 4 Kempten nach Bad Grönenbach-Thal
Heute begleitet mich Meike auf der langen Wanderung von Kempten nach Bad Grönenbach-Thal. Mit der Bahn an 6:48 Uhr nach Kempten und dort wir lassen das meiste Gepäck im Hotel. Mit nur einen kleinen Rucksack mit Wasser und ein paar Nüssen machen wir uns auf die Wanderung. Kurz nach elf kommen wir los. Der Weg führt uns durch die Altstadt und am Kloster vorbei, durch einen Park und an einem Friedhof vorbei nordwärts zur Iller. Wir durchqueren eine Laubenkolonie. Auf dem Westufer folgen wir der Iller nach Norden. An der Illerschleife beim Wohngebiet „Auf der Halde“ folgen wir dem Wanderweg und kürzen die Schleife ab. Das Wetter ist perfekt. Die Sonne scheint und es wird immer wärmer. Zum Glück haben wir nur T-Shirts an und haben die Regensachen – der Wetterbericht sagt 0% Regenwahrscheinlichkeit – ganz zu Hause gelassen.
Bei Zollhause erhaschen wir wieder an der Iller bei einem letzten Blick rückwärts den Grünten, der nun schon weit im Süden zu liegen scheint. Wir kommen gut voran. Das Ostufer der Iller hat hier einen schönen Felsen freigelegt, der vom Wasser blank gespült wurde. Spuren von Bibern finden wir ebenfalls. Zwischen Hirschdorf und Lauben wird die Illerbrücke neu gebaut. Baustelle. Wir ignorieren die Hinweisschilder und gehen durch die Baustelle und erreichen wenig später das Ostufer. Dort setzen wir den Weg nach Dietmannsried fort. Irgendwann ist es ein Uhr und wir machen Mittagspause. Getränke raus und die paar Nüsse als Proviant auf einer Bank im Schatten verzehrt. Eine halbe Stunde später geht es weiter.
Dietmannsried bleibt uns nicht in guter Erinnerung, wollen wir doch unseren Proviant gegen 14 Uhr ergänzen. Also ab zum Bäcker. Der eine macht um 14:30 Uhr wieder auf und der Andere, den wir um 14:10 Uhr erreichen, hat um 14 Uhr abgeschlossen. Also weiter durch flache Wiesen nach Norden Richtung Bad Grönenbach. Plötzlich bekomme ich Bauchweh. Ab in die wenigen Büsche am Wegesrand, Gewicht ablassen. Die Bauchschmerzen nehmen aber nicht ab. An der Bahnbrücke vor Käsers, die auch noch gesperrt ist, will ich schon für heute aufgeben und schaue, wo der nächste Bus hält. Ich schlage mich erneut in die Büsche. Keine wirkliche Erleichterung. Wir müssen die Bahnlinie auf jeden Fall überqueren. Keiner schaut hin, also am ersten Bauzaun vorbei und wenig elegant übers Geländer auf die Brücke und schnell am zweiten Zaun vorbeigemogelt und wir sind auf dem Weg nach Käsers. Erneut meldet sich mit Vehemenz die Verdauung, aber zum Glück wohnen in Käser nette Menschen, die uns Hilfe zukommen lassen. Die Bauchschmerzen sind wie weggeblasen. Erleichterung, denn noch liegen acht Kilometer vor uns. Meikes Durst nimmt zu. Ihr Wasser ist alle und Meines will sie nicht.
Wir verlassen Käsers über Weidewege und schnell sind wir im schattigen Wald. Der Weiterweg ist flach und wir kommen gut voran. Der Weg führt über weichen Waldboden, der von Baumsamen übersät ist. Sieht fast so aus, als ob der Boden schimmelt. Bei Schoren erreichen wir die Bahnlinie, der wir nun einfach immer weiter am Waldrand entlang nach Norden folgen, so dass wir bald den Bahnhof Bad Grönenbach sehen. Meike hat nach fast 24 Kilometern nun wirklich Durst. Leider verpassen wir unseren Zug um 10 Minuten. Die Pizzeria am Bahnhof hat zu und am Bahnhof hat es keinen Getränkeautomaten. So ein Pech. Der Zug nach Kempten hat auch noch 10 Minuten Verspätung.
Rein in den Zug. Wir fallen in unsere Sitze und eine knappe halbe Stunde später sind wir in Kempten. Rein in den Bus und ins Zentrum. Ab zum Obsthändler unserer Wahl. Dort schnell Obst und Wasser gekauft und dann ins Hotel duschen. Unterwegs noch jeder eine Banane vertilgt. Wohin zum Essen? Wir entscheiden uns für´s Allgäuer Brauhaus. Krautwickel und Krustenbraten mit Knödel. Gute Wahl. Ein Mordsportion, so dass ein Bratenstück als Proviant für und dort für Morgen bleibt. Ganz nebenbei werden auch die Flüssigkeitsspeicher wieder aufgefüllt. Nachtisch fällt für heute aus. Auf dem Rückweg noch von außen einen Blick auf die Residenz geworfen und dann ist der Tag zu Ende.
Tag 5 Bad Grönenbach nach Memmingen
Alles zusammengetragen und ab in die Rucksäcke. Heute tragen wir das Gepäck. Schwer ist es nicht. Kaum fünf Kilogramm. Frühstück gibt´s nicht im Hotel sondern gegen Code im einem nahen Café. Kurz nach Acht betreten wir das Café in der Altstadt unweit des Hotels. Gutes Frühstück. Zu empfehlen. Auch das Interieur ist ansprechend. Meike schmeckt der Kaffee im Café, was wirklich selten ist. Noch ein Brötchen für´s Bratenstück auf dem Weg beim Bäcker besorgt und ab ins Zentrum. Der Bus bringt uns zum Bahnhof. Leider hat der Zug um kurz halb zehn zehn Minuten Verspätung. Egal, heute ist die Etappe nicht so lang. Um kurz nach zehn starten wir in Bad Grönenbach-Thal, dem Bahnhof Bad Grönenbachs.
Eben wandern wir den Wiesenweg nach Norden. Kurz vor Niederdorf queren wir ostwärts unter der Bahnlinie und wandern durch den kleinen Ort. Zum Glück haben wir gefrühstückt. Der Plan auf dem Weg zu Frühstücken wäre nicht aufgegangen. Die am Wegesrand aufgesammelte kleine Glasweinflasche findet ihren Platz in einem Mülleimer. Durch den Friedhof und an der Kirche vorbei kommen wir an einen Dorfweiher. Hier biegt der Weg nach Norden ab und wenig später sehen wir die erste Steigung des Tages. Es geht steil bergan in den Wald hinein. Zum Glück nur 80 Höhenmeter in Richtung geologische Orgeln und Felsenburg. Der Atem wird kürzer und die Körpertemperatur steigt. Im Wald geht es an Dietmansried vorbei in Richtung Ottobeuren. Wir verpassen die Abzweigung auf einen kleinen Waldweg, der steil bergan geht. Nach fünf Minuten erkennen wir bei einem Blick auf komoot den Fehler. Ob es am Quatschen lag? Also kehrt Marsch. Eigentlich wollen wir gar nicht nach Ottobeuren. Vielleicht deshalb. Egal, aufwärts. Ein Baum ist umgestürzt und macht den steilen Pfad fast unpassierbar. Wir mogeln uns vorbei auf die Wiesenebene.
Oben folgen wir dem Wiesenweg, der bald zu einem Waldpfad wird. Wie man ihn gern hat, weicher Boden, kaum Gefälle und Schatten. Wobei Schatten braucht es nicht mehr. So warm ist es nicht mehr. Die zweite Steigung holt uns kurz vor Nieder aus dem gemütlichen Dahinschlendern im Wald ein. Als wir den Wald verlassen, verdecken erste graue Wolken die Sonne. Gegen halb eins entdecken wir kurz nach Nieders unser Mittagsbänkchen. Der Wetterbericht hat gestern ab 17 Uhr geringe Regenwahrscheinlichkeit mitgeteilt. Es ist 13 Uhr und wir haben noch gut acht Kilometer zu gehen. Mittagspause. Bratensemmel und Wasser. Plötzlich springt Meike auf. Regentropfen haben sie getroffen. Wir machen uns auf. Im Wald packen wir um, da nur ein Rucksack einen Regenüberzug hat. Alle Klamotten, die wir für eine trockenen Rückfahrt brauen, in Meikes Rucksack und dafür anderes Zeug zu mir. Abwärts geht es in Richtung Eymühle, an der wir aber nicht vorbeikommen.
Es bleibt trocken. Zumindest bis kurz nach Moosbach, wo es dann zwischen Feldern anfängt leicht zu regnen. Der erste Plan ist bis zu einem Bauernhof in ca. 800 Meter zu gehen und uns dort unterzustellen oder – wenn das nicht geht – in Benningen in einem Café den Regenschauer abzuwarten. Genau am Hof lässt der Regen nach, so dass wir Muße haben, den toten Dachs am Wegesrand zu bestaunen. Laut Regenradar scheint der Regen vor uns abzuziehen. Wir wollen weiter in Richtung Memmingen. Gleich kommt Benningen und hinter Benningen durchwandern wir das artenreiche Benninger Moos, ein bedeutendes Feuchtgebiet.
Nun melden sich Meikes Beine. Ein Blick verrät, dass es nur noch knapp 3 Kilometer bis zum Ziel sind. Das Tempo fällt und wir beschließen langsam in die Innenstadt Memmingens auf meinen Geburtstagskaffee und Kuchen zu gehen. Gesagt getan. Durch eine Lücke in der Stadtmauer gelangen wir in die Innenstadt, wo uns ein Café einlädt. Am Siebendächerhaus vorbei gelangen wir nach insgesamt gut 18 Kilometern doch abgekämpft zum Bahnhof, wo und was passiert? Genau, unser Zug hat Verspätung. Knapp 30 Minuten. Besser gut 30 Minuten. Statt 16:04 also 16:36 Uhr. Also auf nach Ulm. Dort in den RE200, der über die Schnellbahntrasse fährt. Die Brücke bei Wiesensteig ist auch beim Drüberfahren beeindruckend. Den Rest der Fahrt erledigen wir ab Bad Cannstatt mit dem S-Bahn, die uns dann auch fast pünktlich heimbringt.
Tag 6 Memmingen nach Altenstadt
Fast pünktlich erreiche ich den Bahnhof Memmingen. Zuerst spukt im Zug die Idee mit dem Bus durch die Wohngebiete bis zu den Realschulen zu fahren herum. Laut Wetterbericht sollte es bis 12 Uhr regnen und erst dann aufhellen. Aber in Memmingen ist es wider Erwarten trocken. Der Bus geht erst in 30 Minuten und so entschließe ich mich gleich loszugehen. Liegt doch das ehemalige Landesgartenschaugelände auf dem Weg.
Einen Espresso in einem Hotel am Rande der Altstadt und den Rucksack umgepackt später, erreiche ich an der Stadtmauer vorbei das sehenswerte Landesgartenschaugelände, das mich auf fein geschotterten Wegen an der Memminger Aach entlang nach Norden leitet. Im Park überquere ich den 48. Breitengrad auf dem auch Neufundland in Kanada liegt. Wie unterschiedlich das Klima doch Golfstrom sei Dank sein kann.
Wenig später erreiche ich Amendingen, wo gerade Schulpause zu sein scheint. Zumindest deutet der Lärm auf dem Schulhof darauf hin, den ich am Ortseingang passiere. Immer nach Norden zu, wandere ich auf einem Feldweg in Sichtweite der Bahnlinie nach Heimertingen, wo ich wieder auf die Memminger Ache treffe. Der Weg ist eben und flach. Östlich sind ein paar bewaldete Moränenhügel der letzten Eiszeit des Illergletschers zu sehen. Ein kleiner Umweg im Ort und ich erreiche die Iller, die hier ziemlich genau in Süd-Nord-Richtung fließt. Auf dem zum Radweg ausgebauten Illerdamm erreiche ich kurz vor halb eins Fellheim. Ich habe Hunger und Lust auf ein Getränk. Ein Schild weist auf ein Bäckereicafé hin, das bis 13 Uhr offen sein sollte. Bei der Kirche wird es schon was geben, hoffe ich. Im Ort ist eine Baustelle. Ich frage einen Schuljungen nach dem Bäcker. Er erklärt mir dem Weg – ich wohne gleich daneben – und wir machen die paar Schritte zum Bäcker. Dort ist alles dunkel. Dann lese ich „ … wegen der Ortskernsanierung … nur Freitag und Samstag geöffnet“. So ein Mist. Eine offene Gaststätte finde ich auch nicht. Das Allgäu ist auch nicht mehr, was es mal war.
Also weiter auf einen Weg neben der Straße nach Pleß. Auch dort ist alles zu. Aber eine Bank in der Mitte des Orts am alten Waghäusle lädt zum Ausruhen ein. Ich habe ein hartgekochtes Ei, einen knappen halben Liter Wasser und einen Apfel im Rucksack. Ein Blick zum Himmel, wo dunkle Wolken aufziehen. Sollte es nachmittags nicht trocken bleiben? Egal, werde schon trocken ankommen. Ich verputze erstmal mein kärgliches Vesper.
Weiter geht´s. Runter an die Iller führt der Weg mich wieder auf dem Illerdamm und nach Kellmünz. Auf der alten Bahntrasse, jetzt Radweg, Kellmünz nach Babenhausen auch „Fuggerbahn“, erreiche ich Kellmünz. Der Dorfladen samt Café hat montags nur bis 13 Uhr offen. Wieder Pech gehabt. Von Kellmünz nach Altenstadt sind es noch gut sechs Kilometer, knapp anderthalb Stunden. Kurz nach Kellmünz erreiche ich die Filzinger Seen, ein Naherholungsgebiet. Einer der Seen ist ein natürlicher See – hier ist aus Naturschutzgründen Baden verboten – die Anderen sind ehemalige Baggerseen. Eine Bank in der Nähe des Kiosks mit Dach, aber es regnet nicht, lädt zur letzten kurzen Pause ein. Wasser ist nun alle. Ein Blick aufs Handy – komoot läuft als Navigationshilfe mit – sagt, der Akku wird knapp. Pünktlich am Ortseingang in Altenstadt wird der Bildschirm schwarz. Die Reservierung ist auf dem Handy. Wo liegt das Hotel? Keine Ahnung. Irgendwo östlich des Bahnhofs, so meine Erinnerung. Zum Glück habe ich mir den Namen „Bürgerstuben“ gemerkt. Frage ich halt, aber ein Schild am Orteingang sagt „Memminger Straße 27“. Wenig später stelle ich fest, dass ich bereits an der Tankstelle in der Memminger Straße 23 bin. Ein Blick nach vorn, zeigt Wirthausschilder. „Alwines Stube“ und „Bürgerstuben“. Das Ziel nach über 25 Kilometern erreicht.
Drin sitzt der Stammtisch der Rentner und debattiert die lokale Tagespolitik. Schnell den Rucksack auf´s Zimmer und statt Dusche, schließlich habe ich Durst, nur Schuhe gewechselt und runter ins Lokal ein Getränk bestellt. Das Zweite nehme ich mit auf´s Zimmer. Nach einer ausgiebigen Dusche spaziere ich durch den Ort. Viel ist hier nicht los. Alles zu. Der Wirt erklärt, dass heute trotz Ruhetag die Küche offen ist, da sich der Gemeinderat angesagt hat. Glück gehabt, denn ein warmes Essen, ist genau das, was ich jetzt brauche.
Tag 7 Altenstadt nach Vöhringen
Ich bin früh auf. Um halb acht ist Frühstück und um kurz nach acht bin ich auf dem Weg nach Westen der Iller zu. Der Stammtisch hat gestern die Illeruferrenaturierung kontrovers diskutiert. Einig war man sich, man müsse es selbst anschauen. So mache ich einen kleinen Umweg, wolle ich doch dem Illerkanal folgen. Die Renaturierung hat einige Inseln in den Fluss verlegt, das Ufer wurde verbreitert, der Weg neu etwas weg vom Ufer angelegt und die Bäume am bayrischen Ostufer gefällt. Kann was werden, wenn wieder alles eingewachsen ist.
Die Navigation ist heute ganz einfach. Der Iller nordwärts bis zur dritten Brücke bei Au folgen und dann am Kanal an Bellenberg vorbei entlang nach Nordosten. Der Weg ist ziemlich gerade und eben. Schotter. Allerdings ist zwischen Iller und Illerkanal ein feuchtes, dichtbewaldetes Stück Natur entstanden. Biberspuren an Bäumen sind zu sehen. Eine Vielzahl Fischtreppen wurden neu errichtet, da der Iller aufgestaut wurde. Einerseits um hydroelektrischen Strom zu gewinnen und andererseits und die weitere Eintiefung des Flussbetts mit der verbundenen Grundwasserspiegelabsenkung abzumildern. In Au immerhin in knapp 50 Jahren fast fünf Meter.
Durch den Umweg zeigt mir komoot komische Entfernung zum Ziel an. Unter der ersten Brücke, heute habe ich den Akkuladestand immer im Blick, soll ich nur noch 3,5 Kilometer zum Zeil haben. Innerlich freue ich mich, da meine Beine ein wenig schwer werden und mein linker Fuß zu schmerzen beginnt. Als ich die zweite Brücke erreiche, wo komoot ein Einbiegen auf das Ostufer der Iller vorgeschlagen hat und ich nun auf dem vorgesehenen Weg bin, springt die Distanz auf gut 6,5 Kilometer. Ah was dazugelernt. Wenn man vom geplanten Weg abkommt, rechnet komoot scheinbar immer die Entfernung zum Abbiegepunkt als Entfernung zum Ziel.
Ich verlasse den Illerdamm und quere den Illerkanal. Das soll der Weg sein? Eine undeutliche Fahrspur führt über eine noch nasse Wiese. Na gut, sollen ja nur 600 Meter durch nasses, hohes Gras sein. Hosenbeine und Schuhe samt Socken werden nasser als mir lieb ist. Immer dem Illerkanal folgend an Bellenberg vorbei komme ich nach Vöhringen. In den Kanal will ich auch nicht fallen, ist doch das Ufer im 45° Winkel ausgemauert. Da kommst man kaum raus und die Brücken sind erstaunlich niedrig.
In Vöhringen ist erst kurz nach zwölf. Gehe ich noch ein Stück bis Senden? Sind noch sechs Kilometer. Ich verschiebe die Entscheidung. Einerseits ist es noch früh, anderseits tut mit langsam der linke Fuß weh. Am Bahnhof verpasse ich meinen Zug um eine viertel Stunde. Der nächste Zug geht in 45 Minuten. 6 Kilometer sind etwa 65 bis 70 Minuten. Ich entscheide mich nicht zu gehen, habe ich doch fast 17 Kilometer in den Beinen. Mein Zug hat 10 Minuten Verspätung, so muss ich insgesamt gut 50 Minuten auf den nächsten Zug nach Ulm warten. So kann ich mit Sicherheit meinen Termin heute Abend halten ohne mich abzuhetzen.
Tag 8 Vöhringen nach Ulm
Heute wird es nur eine Tageswanderung. Was ich nicht bedacht habe, war das mein Handy heute Nacht ohne Strom war und mich die VVS-App mit dem Deutschlandticket automatisch abgemeldet hat. War von Nufringen bis Ulm kein Problem, da Keiner das Ticket sehen wollte. Aber in der Regionalbahn nach Senden, kam der Kontrolleur. Ich erklärte ihm, ich wolle nach Vöhringen und hätte das Deutschlandticket und der VVS hätte ein Problem mit dem Internet. Ich scheine glaubwürdig gewesen zu sein, denn er wollte später erneut wiederkommen. Zum Glück hielt der Zug in Senden, wo ich in den Bus musste, bevor er zurückkam. Der Busfahrer war ebenfalls gutgläubig. Ich zeigte ihm irgendeinen QR-Code. `Mal sehen, wie das auf der Rückfahrt wird´, dachte ich mir beim Aussteigen aus dem Bus.
Die Sonne strahlt, als ich mich am Illerkanal an der Kläranlage vorbei in Richtung Ulm aufmache. Heute wird der erste Oberabschnitt bis Ulm zu Ende gehen. Ich quere den Illerkanal und wende mich sofort nach Norden. Auf einem schmalen Pfad wandere ich im Schatten auf der dicht bewaldeten Insel zwischen Iller und Kanal bis Illerzell, wo ich den Kanal an freundlich grüßenden Walkerinnen vorbei, quere. Gleich darauf gehe ich auf dem östlichen Ufer an der Bebauung Illerzells vorbei weiter nordwärts. Irgendwann stoße ich auf den Illerradweg, dem ich bis Senden folge. Dort schaue ich mir das Denkmal für die vier Toten des Bootsunglück des 19. Jahrhunderts an, die bei einer Fahrt des bayrischen und württembergischen Wasserwirtschaftsamtes ertrunken sind. Wo ist meine Mütze? Mist, weg. Also wo hatte ich sie das letzte Mal auf? Beim Queren der Landstraße. Zurück. wahrscheinlich liegt sie an der Einsetzstelle der Bootsfahrer, wo ich das Schild gelesen habe oder dem Denkmal. `Zum Glück ist sie olivfarben´, schmunzle ich. Da liegt sie ja. Vor dem Denkmal. Glück gehabt.
Weiter geht es nun auf dem Westufer der Iller, das allerdings noch zu Bayern gehört, da hier die Grenze 1807 in der Flussmitte gezogen wurde und die Iller ihren Lauf seither mehrfach veränderte. Illerkirchberg ist zwar württembergisch, da es auf einem Hügel liegt, so dass die Iller hier schon immer östlich vorbeifloss. Kurz vor Unterkirchberg wird der ganze Fluss plötzlich für ein paar Kilometer württembergisch. Der Weg ist nun breit und geschottert. Radweg eben. Ich komme gut voran.
Um halb zwölf finde ich kurz nach dem Sportplatz von Unterkirchberg eine Bank im Schatten direkt an der Iller. Vesperpause bei Halbzeit der Wegstrecke? Gute Idee. Jacke und Weste sind schon lange in den Rucksack gewandert. Ich schaue beim Essen der schnell fließenden Iller zu. Der Stocktest zeigt, die Iller fließt hier schneller als ich gehe. Eine knappe halbe Stunde später bin ich auf dem Weiterweg und komme an der alten Brücke von Unterkirchberg nach Gerlenhofen vorbei, die nach Zerstörung durch ein Hochwasser wegen der Grenzziehung im 19. Jhdt. nicht wieder aufgebaut wurde. Das Hinweisschild auf eine Hütte des Schwäbischen Albvereins ignoriere ich heute, habe ich doch gerade erst gegessen.
Ich unterquere die vierspurige B30 und die nächste Brücke ist Meine. Rüber ins bayerische Illerbrücke. Passender Name für den kleinen Ort. Noch gut 4 Kilometer bis die Iller ihr Wasser in die Donau ergießt. Auf dem Ostufer mit manch schönem Blick auf das in der Ferne liegende Ulmer Münster erreiche ich schließlich die Illermündung. An einer Bank gegenüber der Mündung lasse ich mich nieder. Ich treffe eine Erscheinung. Zumindest tituliert er sich so. Er scheint allerdings geistig ein wenig verwirrt zu sein, zeigt mir allerdings Fotos seiner außerordentlichen Blei- und Buntstiftzeichnungen mit meist düsteren oder verstörenden Motiven. Die sind wirklich in bemerkenswert gut. Er erzählt, er werde jede Nacht vergast, sei bereits mehrere Male erschossen worden und habe auch keinen Puls mehr. Auf meinen Einwand, wenn er erschossen worden wäre, könnten wir uns nicht unterhalten, gibt er zurück, er sei eine Erscheinung. Er sei Jesus oder der Teufel. Je nachdem, wen man frage. Nun ja.
Nach zehn Minuten wird mir das doch zu viel und ich mache mich auf die letzten gut zwei Kilometer. Ich quere die Donau auf einer Behelfsbrücke und erreiche die alte Bundesfestung Ulm. Am Donauturm, einem Turm der alten Festungsanlage, und auf dem Donauschwabenufer erreiche ich den Kobelgraben. Dieser führt mich durch einen kleinen schattigen Park zum Bahnhof, wo der Zug auf mich wartete.
Auf der Rückfahrt – noch immer ohne gültige Fahrkarte und fast 18 Kilometer Fußmarsch – kam glücklicherweise keine Schaffner, so dass ich ohne Beanstandung nach Hause kam, wo ich sofort das Deutschlandticket wiederherstelle. Wer eine Reise tut, kann was erleben und hat was zu erzählen.
Tag 9 Ulm nach Setzingen
Heute wird es keine lange Wanderung. Ich habe für mich festgelegt, dass eine lange Wanderung mehr als zwanzig Kilometer haben muss und mehr als 25 Kilometer sei eine sehr lange Wanderung. Über eine Differenzierung nach absolvierten Höhenmeter habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Hmm! Ob sich das heute klärt? Heute beträgt die Wegstrecke nur knapp 18 Kilometer nach Langenau, also nur eine Wanderung.
Runter an die Donau und dieser folge ich auf dem württembergischen nördlichen Ufer flussabwärts. Die Messe und das Donaustadion müssen doch irgendwo da links oben liegen, oder? Der Donauradweg bringt mich zügig flussabwärts. Beinahe hätte ich den Abzweig nach Bofingen, die Bofinger Steige ist eine der beiden Steigungen des heutigen Tages, verpasst. Ich überquere die Straßenbahnschienen und wenig später stehe ich auch an einer Haltestelle. Wäre es nicht bequemer gewesen, schießt mir in den Kopf, musste ich doch trotz der Morgenstund´ der hohen Luftfeuchtigkeit wegen ordentlich schwitzen. An der Haltestelle geht es bergab und auf halber Höhe unter der Bebauung auf einem Waldlehrpfad durch den Wald. Eine kleine Abkürzung, bei der ich des nassen Grases wegen ordentlich nasse Füße bekomme, führt durchs Unterholz. Wenig später hat mich der Waldweg aber wieder. Nur eben mit nassen Hosenbeinen. Zum Glück ist es nicht kalt. Immer wieder begegne ich den Wegmarkierungen (HW 4) des Schwäbischen Albvereins, dessen Main-Donau-Bodensee Wanderweg ich im Grunde seit Ulm offenbar zu folgen scheine.
Eine gute halbe Stunde später bin ich in Thalfingen, das zügig durchquert wird. Am Ortsausgang kommt die zweite Steigung. Die ist sogar ziemlich steil. Der Kugelberg (546 m) will erstiegen sein. Oben angekommen hat man einen schönen Blick Richtung Alpen, die allerdings im Dunst liegen. Weiter geht es Richtung Osten Oberelchingen zu. Am Waldrand und am St. Wendelinkreuz vorbei und an Oberelchingen vorbei, erreiche ich Bank, die „Blick auf die Alpen“ heißt. Aber zu sehen ist nix.
Rechts zur Brauereigaststätte im ehemaligen Kloster Oberelchingen oder nach links den Weg sofort fortsetzen? Es ist erst halb elf. Zu früh für eine Einkehr entschiede ich. Also auf der Landstraße unter der A8 hindurch. Über den Getreidefeldern zwitschert die Feldlerche. Nicht eine, nicht zwei, hier scheinen sich alle Feldlerchen zumindest des Landkreises Ulm zu einem Konzert eingefunden zu haben. Wenig später kurz vor Göttingen steht eine Bank im Halbschatten an einem Bach. Halb zwölf, Zeit für ein Vesper. Über die Hälfte der Wegstrecke nach Langenau ist auch schon zurückgelegt.
Gegen zwölf mache ich mich auf den Weiterweg. Unter der A7 hindurch erreiche ich Langenau. Die Nau, die den Ort durchfließt, wurde renaturiert und an deren Ufern sind Tafeln angebracht, die den Grund das Maßnahme erläutern. Seit 2005 hat sich die Storchenpopulation von zwei Brutpaaren auf zwei Nestern auf über zwanzig Nester mit ca. 50 Störchen gesteigert. Hübscher Ort, der früher von Ulm aus verwaltet wurde. Das Ulmer Oberamtsmannhaus sieht eindrucksvoll aus. Ich kehre auf ein Eis beim Italiener ein. Auf dem Nachbargebäude nistet ein Storchenpaar.
Beim Eis sinniere ich über den weiteren Tagesablauf. Hier für heute Schluss machen oder weiter gehen, ist die Frage. Langenau hat einen Bahnhof. Vor dort komme ich bequem nach Hause. Ich schaue bei komoot nach. Morgen will ich nach Herbrechtigen kommen. Mehr als zwanzig Kilometer weit und ich fühle mich gut und es ist erst kurz nach eins. Bis in den nächsten Ort geht es noch, entscheide ich. Die App der Deutschen Bahn verrät, dass Busse stündlich ab Öllingen oder Setzingen nach Langenau verkehren. Muss ich maximal eine Stunde warten, wenn ich den verpasse. Riskier´ ich.
Ich verlasse Langenau nördlich und bin eine knappe Stunde später in Setzingen, wobei unterwegs erneut ein Lerchenkonzert zu belauschen ist. Der Pause machende Postbote erklärt mir kurz, wo ich die Bushaltestelle in der Ortsmitte finde. So sind aus knapp 15 nun doch 20 Kilometer geworden.
Fünfzehn Minuten später sitze ich im Bus nach Langenau.
Tag 10 Setzingen nach Herbrechtigen
Heute wird es keine lange Wanderung werden. Habe ich doch gestern schon vorgelegt. Kurz vor 7 Uhr sitze ich in der S-Bahn und über Ulm erreiche ich Langenau. Zwar eine Stunde später als geplant, da eine Störung zwischen Wendlingen und Ulm den Zugverkehr ausgebremst hat. Da ich aber meine Kappe vergessen hatte, hatte ich so noch Gelegenheit in Göppingen neben einer Kappe noch ein Vesper zu erstehen, bevor ich in Ulm ankam. Im Bus von Langenau bin ich der einzige Fahrgast. Auf meine Frage, ob dies der Bus nach Setzingen sei, erwidert der Fahrer, er fahre wohin ich wolle. Ich sei der einzige Fahrgast.
Ab der gestrigen Bushaltestelle in der Ortsmitte geht es zunächst nach Nordosten einem Wäldchen zu. Am Waldrand treffe ich wieder die HW 4 Markierung, der ich folge. Als ich aus dem Wäldchen trete, höre ich was? Genau Feldlerchen. Hier scheinen die noch sehr häufig zu sein. Immer geradeaus, quere ich eine Landstraße und durchquere ein zweites Waldstück. Am Waldrand entdecke ich erste Hinweise auf das Lonetal mit seinen eiszeitlichen archäologischen Ausgrabungsstätten. Der Neandertalerweg, passend wie mir scheint, führt ins Lonetal. Ich komme an Vogelherd- und Hohlensteinhöhle vorbei, deren Inneres für das Publikum gesperrt sind. Lonetalabwärts mache ich in Sichtweite des archäologischen Parks mit dazugehörigem Museum gegen halb zwölf Mittagspause. Die Fundstellen sind seit einigen Jahren durch die UNSECO als Welterbestätten der Menschheit eingestuft.
Auf kaum sichtbarer Pfadspur, immer auf dem HW 4, überquere ich die A7 und komme zur Abzweigung Eselsburger Tal rechts und Burg Falkenstein links. Ich gehe zur Falkenstein. Diese kann man zwar nicht besichtigen, aber im Innern gibt es eine Pilgerraststätte mit leerem Kühlschrank, Trinkwasser- und Pilgerstempelstelle. Ich mache eine kurze Pause und fülle meine Wasserflasche, bevor ich den Stumpf des ehemaligen Bergfrieds erklimme. Von dort habe ich einen wunderbaren Blick auf das Eselsburger Tal, in dem nicht die Esel sondern die Brenz fließt. Später erfahre ich, weshalb das Tal Eselsburger Tal heißt. Es ist nach einer abgegangenen Burg, der Eselsburg, benannt. Kann ich mir kaum vorstellen, dass ein mittelalterliches Geschlecht ihre Burg nach Eseln benannt haben soll. Aber so beschreibt es eine Tafel, auf die ich wenig später stoße.
Komoot zeigt eine Wegspur, die direkt vom Bergfried ins Tal führt. Sieht echt steil aus. Kommt sagt auf der Tagesetappe sind 100 Meter alpiner Bergpfad. Die Treppe vom Aussichtspunkt hinunter ist steil, sehr steil und das Metallgeländer sieht auch nicht so vertrauenswürdig aus. Kurz vor der Burg war schon ein Schild an einer Abzweigung Richtung Tal bei der auf ein beschädigtes Geländer mit dem Zusatz „Begehen auf eigene Gefahr“ hingewiesen wurde. Nach der Treppe folgt ein wackeliges Holzgeländer bei dem an einer Stelle das obere Brett fehlte. Einen Abgang fand ich aber nicht, also folgte ich dem Weg weiter und kam über eine steile Treppe wieder auf dem Weg zur Burg. Kein Abgang gefunden. Zurück zur Abzweigung und ins Tal. Immer komoot im Blick stoße ich tatsächlich am Fuß des bekletterbaren Felsstotzens auf dem die Burg thront auf einen ziemlich neuen Wegweiser bergauf zur Burg. Wahrscheinlich war das fehlende Brett die Stelle zum Übersteigen des Geländers und die folgenden 100 Meter hangabwärts der alpine Pfad.
Ich folge der Brenz abwärts, komme an den Steinernen Jungfrauen, habe ich mir größer, imposanter und höher vorgestellt, vorbei nach Herbrechtigen. Der Weg auf der anderen Flussseite wäre schöner, schattiger und kürzer gewesen. Was macht man nicht alles für eine Sehenswürdigkeit? Mit Passieren der ersten Häuser beginnt es zu tröpfeln. Blick auf die Uhr halb vier. Ich entscheide mich weiterzugehen und die erste Einkehrmöglichkeit zu nutzen, sieht meine Herberge für heute Nacht nicht so aus, als ob es da was gebe. „Yannis“ kommt gerade recht, als das Tröpfeln zunimmt. Wenig später bin ich zumindest an Leib gestärkt, An der Brenz durch einen Park entlang verpasse ich den Abzweig, so dass ich einen halben Kilometer Umweg über den Bahnhof machen muss bis ich die Bahn überqueren kann.
Bergauf durch ein Wohngebiet erreiche ich schließlich das Wohngebiet Wart in dem mein Hotel „Hohe Wart“ liegt. Die Tür ist zu. Zum Glück gibt es eine Telefonnummer und ich habe ein Mobiltelefon. Sind nun doch mit 19,8 Kilometer fast 20 geworden, schaue ich nach. Fünf Minuten später wird mir aufgetan. Zu Essen gibt es nix, aber eine Pizzeria ist nur 200 Meter entfernt, wird mir erklärt. Ab unter die Dusche und später wird mich die Pizzeria auch tatsächlich als Gast begrüßen können.
Tag 11 Herbrechtigen nach Königsbronn
Heute bin ich früh auf. Schlüssel am Tresen abgelegt und um halb acht verlasse ich das Hotel. Rüber zur Pizzeria und dann steil den Berg hinauf, verlasse ich Herbrechtigen, um wenig später im Wald zu verschwinden. Auf schmalen Wegen, die schon lange keiner mehr freigeschnitten hat, erreiche ich Mergelstetten, das mich mit dem großen Zementwerk begrüßt. In Mergelstetten tröpfelt es schon wieder. Ich ignoriere dies. Und richtig, es hört auch bald wieder auf. Ich komme an einer Sporthalle vorbei, die vor 100 Jahren ein reicher Fabrikant aus Mergelstetten seiner Heimatgemeinde aus Dankbarkeit zum 100-jährigen Firmenjubiläum erbaut und geschenkt hat. Nach dem Krieg diente die Halle auch der neuen katholischen Kirchengemeinde, die hauptsächlich aus Flüchtlingen bestand, als provisorische Kirche, bevor sie schlussendlich nach ihm benannt als Zoepperitzhalle Schulturnhalle der benachbarten Silcherschule wurde. So was gibt es auch. Heutzutage kaufen die lieber Jachten für das Geld und sind oft allgemein unbeliebt.
Nach Mergelstetten geht an den Werksgeländen von Voith und Hartmann immer brenzabwärts. Dann geht es links steil bergauf. Ich erreiche Schloss Hellenstein, das eindrucksvoll über Heidenheim thront. Das Schloss durchquere ich ohne den Museen einen Besuch abzustatten. Steil bergab geht es in die Innenstadt. Da ich kein Frühstück hatte, will ich das nun nachholen. Die Bäckerei Gnaier in der Fußgängerzone bietet dafür eine ausgezeichnete Gelegenheit.
Als ich an der Dualen Hochschule vorbei Heidenheim verlasse stoße ich wieder auf den HW 4. Es geht bergauf zum Paul-Gnaier-Fechtzentrum. Der alte Bäcker hat offenbar nicht nur eine lange Tradition als Bäcker sondern auch eine intensive Verbindung zum Heidenheimer Fechtsport. Durch Wohngebiete komme ich zum einem der wenigen Denkmale für einen Soldaten der 3. Reichs. Erwin Rommel ist in Heidenheim geboren. Am Jenga-Denkmal vorbei komme ich zu einem schattigen Weg am Friedhof. Die nächsten drei Kilometer geht es eben durch den Wald.
Es fängt an leicht zu regnen. Ich umhülle den Rucksack mit der Regenhülle und ziehe mir die Regenjacke über. Eine deutsche Dogge samt ihrer Spaziergehführerin begegnet mir. „Die macht nix. Die findet alle toll und will nur schlabbern.“ Toll, ob alle besser ich das wollen, weiß ich nicht. Zum Glück reicht mein lautes nein um sie zu verschrecken und mir einen bösen Blick der Frau einzuhandeln. Aber wenigstens bin ich nicht von einen halbem Kalb angeschlabbert worden. Als ich eine Landstraße überquere, merke ich erst wie stark es inzwischen regnet. So stark, dass ich das Tempo erhöhe und versuche so schnell als möglich Königsbronn, mein heutiges Tagesziel, zu erreichen. Ab jetzt geht es nur noch leicht bergab. Der Regen hört zum Glück auf. An der Skisprungschanze von Königsbronn vorbei erreiche ich den Brenztopf mit dem alten Hammerwerk. Wenig später stehe ich heute nach gut 17 Kilometern am Bahnhof dem Abbild des zweiten prominenten Bewohners des Kreises Heidenheim während der NS-Diktatur gegenüber: Georg Elser, der nach dem gescheiterten Attentat im Bürgerbräukeller 1938 versuchte in die Schweiz fliehen und 1945 ohne ein Gerichtsverfahren in Dachau hingerichtet wurde. Der eine, eigentlich Ohnmächtige traute sich, während der Mächtige sich nicht getraut hat zur Tat zu schreiten.
Tag 12 Königsbronn nach Aalen
Meike besucht mit Freunden die Landesgartenschau in Ellwangen. So fahren wir zusammen nach Aalen, wo mich der Zug nach Königsbronn bringt. In Königsbronn, früher lateinisch fontana regis genannt, schau ich mir die Überreste des ehemaligen Klosters an aus dem der Ort hervorging. Was aus Königsbronn geworden wäre, wäre der „Brenzplan“, die Bahn über Rems-, Filz und Brenztal nach Ulm zu führen, statt der Geislinger Steige verwirklicht worden? Wer weiß oder hat gar der bayrische König Schuld, der die Brenzbahn angeblich verboten haben soll?
Nachdem ich Königsbronn verlassen habe, überlege ich, ob ich dem Radweg nach Aalen folge oder meine geplante Route über die Höhenzüge nehmen soll. Für den Radweg spricht: Ich bin nicht sehr motiviert, er ist deutlich kürzer und führt immer durch das Tal der Urbrenz. Dagegen spricht er ist geteert und eher langweilig. Oder die Wanderung mit knapp 500 Höhenmetern teils steilem Anstieg und durch den Wald? Fragen über Fragen, grinse ich bis ich kurz nach einer Radfahrer- und Wandereinkehrmöglichkeit (Ziegelhütte) den schmalen Pfad links hoch entdecke. Alea jacta est. Es gibt nur eine Wahl: Bergauf. Über schmale, naturbelassene Pfade mache ich Höhenmeter. Endlich geht es hangparallel dahin und ich quere die europäische Wasserscheide, die hier immer weiter `gen Süden wandert, da sich die Donau schneller als der Neckar eintieft und damit die Brenz immer kürzer wird.
Ich passiere nach einem Trockenquertal die Quelle des schwarzen Kocher, die ihr Wasser schon dem Atlantik zu schickt. Noch immer flach geht es am Hang an Oberkochen vorbei. Nun wird es ernst. Komoot sagt der Anstieg habe teilweise 23% Steigung. Hilft aber nichts. Ich muss da hoch, oder? Ich entdecke ein paar Meter weiter den Weg entlang den Otto-Bihlmaier-Steig. Der ist ein paar hundert Meter länger und führt zum gleichen Punkt. Also weniger steil. Stimmt, leider ist der Steig seit Längerem nicht mehr freigehalten worden, so dass ich mich langsam an Brombeerbüschen vorbei und durch Disteln bedächtig bergan bewege. Alles hat ein Ende. Die Wurst hat zwei, aber die gibt es symbolisch erst ein paar Meter weiter. 300 Meter später erreiche ich die Skihütte samt verlassenem Lift der Skizunft Oberkochen am Gegenhang des Volkmarsbergs. Aber es gibt eine beschattete Terrasse mit Bänken und Tischen. Wie gemacht für eine Mittagspause.
Dem Weg durch den Sattel und dann bergab folgen oder zum Gipfel des Volkmarsbergs aufsteigen? Bergan ist die Devise. Den Gipfel bildet eine alte Buche in einem niedrigen Felsenkranz. Nicht weit davon kaum niedriger gibt es einen Aussichtsturm des Schwäbischen Albvereins sowie eine manchmal bewirtete Ausflugshütte. Der Turm hat leider zu. Die Hütte auch. Hier ist auch das Zeichen des HW 4 wieder überall präsent. Bergab geht es allerdings bald wieder verloren und ich finde es erst wieder kurz vor meinem nächsten Ziel dem Aalbäumle. Ich wähle den steilsten aller möglichen Abstiege und komme am Grapfenacker, durch Finstertal und am Kuckuckstein vorbei zum Aalbäumle. Natürlich nehme ich die 112 Stufen zur Aussichtsplattform und lasse den Blick über die Aalener Bucht schweifen. In entgegengesetzter Richtung sieht man den Volkmarsbergturm deutlich aus dem Wald ragen.
Nach Aalen folge ich dem HW 4 bis fast in die Innenstadt, bin ich doch mit Meike verabredet. Ich bin früh dran, also lege ich an Liegebänken an der renaturierten Kocher eine Pause ein, bevor mich ein Anruf zum beschleunigten Marsch zum Bahnhof nötigt, wird mir doch Eis und Kuchen versprochen, so ich rechtzeitig eintreffe. So sind es nun doch knapp 16 Kilometer geworden, als ich dem Bahnhof erreiche.
Tag 13 Aalen nach Rindenheim
Bahn und Bus und wieder Bahnbringen mich nach Wasseralfingen. Die zwei Kilometer Weg durch das Industriegebiet zwischen Aalen und Wasseralfingen, das zwar vorbei am ältesten Industriebetrieb Württembergs, den Schwäbischen Hüttenwerken in Wasseralfingen dank dortiger Erzvorkommen, vorbei führt, spare ich mir.
Ellwangen heißt das Ziel, habe ich im Kopf als ich am Bahnhof die Schilder betrachte. Der Radweg führt genau da hin, wo auch komoot mich hinschicken will. Nehmen wir den doch einfach. Kocher abwärts, vorbei an Weiden, Wiesen und durch ein Wäldchen, den Radweg verlierend, der lieber dem Teerweg folgt, erreiche ich ein Sperrwerk für den Mühlbach für Hüttlingen, einem alten Montanort, Hiervon ist aber nichts mehr zu sehen. Nur der Name ist geblieben. In Hüttlingen hat der SAV ein Wanderheim, an dem mich mein Weg nicht vorbeiführt. Dafür finde ich wieder das HW 4-Zeichen.
Es tröpfelt. Ich krame auf einer Bank die Rucksackregenhülle raus und ziehe die Regenjacke wieder an. Die hatte ich erst wenig zuvor, vor dem steilen Anstieg in der Lengfelderstraße ausgezogen. Aber die Wolken verheißen nichts Gutes. Zuerst regnet es nur wenig. Später schüttet es richtig. Der Regen wirft Blasen auf der Straße. Ich „rette“ mich unter Laubbäume, entscheide mich aber dann doch in einer offenen Garage Schutz zu suchen. Zwanzig Minuten später, klatschnass, geht es weiter. Zum Glück kann ich meiner Hose beim Trocknen zusehen, nachdem der Regen aufgehört hatte. Beim Andreaskapälle, welches ein aus dem 1812er Feldzug ´gen Russland heimgekehrter Soldat beim für ihn glücklichen Übergang über die Beresina versprochen hat, ist sie fast schon wieder trocken.
Westlich von Buch kommt noch das HW6-Zeichen, ein stilisierter Limesturm, hinzu. Wahrscheinlich bewege ich mich auf oder zumindest nahe am Limes, was Limeswachturmfundamante wenige Meter entfernt belegen. Kurz vor einem Waldspielplatz setzt erneut Regen ein. Glücklicherweise nur moderat. Wenn es einen Unterstand gibt, mache ich Mittagspause, überlege ich. Leider nein, dafür führt der Weg mich an einen Legionärskopf vorbei in den Wald hinein. Der wird mich ein wenig vor dem Regen schützen, bin ich mir sicher. Tut er nur bedingt. Ich quere einen Bach. Das Schild, das erklärt, wie die Römer die vermutliche Schwachstelle im Limes gesichert haben, interessiert mich zwar, aber der Regen hält mich von einer genauen Lektüre des Schildes und eine Geländeinspektion ab. Wieder rein in den nun dunklen Nadelwald. Es geht leicht bergan und da ist er wieder der Legionärskopf. Ich bin am anderen Ende des Limespfades für mich angelangt. Hier knickt mein Weg rechtwinklig nach Nordwesten ab. Zwei Kilometer geht es nun weiter auf dem Edelhauweg durch den Wald, wobei der Regen nun wieder aufhört, bis zur L 1075 östlich Schwenningen, die ich überquere und mich bergabwärts halte. Ich treffe auf den HW4, den ich kurz danach wieder verlasse und komme ich Sizenbachtal, wo schon wieder die Sonne scheint. An einem Weiher mit Steg und Hütte, die Tische und Bänke aufweist, entschiede ich mich, Mittagspause zu machen.
Zwanzig Minuten später verpasse ich den Abzweig. Glücklicherweise weist mich komoot darauf hin, als ich auf mein Handy schaue. Zurück fallen mir auch die Tafeln auf, die die Renaturierung des Bachs sowie die Rückzüchtung von Ur oder Auerochsen durch Heck erläutern. Es soll auf der Weide, 13 dieser bis zu 800 Kilogramm schweren Rinder geben. Da machen die Schilder am Weiher mit Betreten der Weide verboten wirklich Sinn. Wer will schon einen 800 Kilo schweren verärgerten halbwilden Bullen gegenüberstehen? Durchs Missionarskloster und dem Kegelstüble des KC Schrezheim vorbei erreiche in erneut die L1075. Auf dem Gehweg an n der L1075 komme ich nach Schrezheim. Ich unterquere die Bahnlinie und folge dem Radweg, der am Landesgartenschaugelände vorbei führt. Zum Glück muss hierfür keinen Eintritt entrichten. Auf dem Gelände grasen ein paar Büffel, die gut zu sehen sind. Durch ein Industriegebiet mit gutem Blick auf das Ellwanger Kloster erreiche ich den Haupteingang der Gartenschau. Ich nutze die neuerbaute Brücke und quere die Bahnlinie.
Am Bahnhof entschließe ich mich noch ein Stück weiter zu gehen. Rindelbach wird das neue Tagesziel. In 50 Minuten fährt ein Bus von dort zurück nach Ellwangen und es sind etwa vier Kilometer. Keine Zeit zu verlieren. Zuerst eben der Bahnlinie folgen, bevor er bei Varta, steil bergan geht. Den Kindergarten im wahrsten Wortsinne links liegen lassend, geht es abwärts zum Kreßbachsee, einem Badesee. Freundlicherweise wird mir erklärt, der Bus sei gerade abgefahren, aber er drehe erst eine Runde durch den Ort bevor er wieder komme. Hoffentlich stimmt das auch. Kaum habe ich mich auf´s Bänkchen gesetzt, bremst auch schon der kleine Bus, der mich nach Ellwangen bringen soll. So schnell aufgesprungen und das Deutschlandticket aufmachen ging gar nicht, wie der Busfahrer mich bat einzusteigen.
Der Bahnhof Ellwangen ist ungewöhnlich. Er hat zwar zwei Gleise, aber um von Gleis 1 zu Gleich 2 zu gelangen muss man die Schienen queren. Jedes mal wenn ein Zug kommt, macht einem ein Bahnbediensteter die Kette auf, die sonst die Querung der Gleise versperrt. Über Crailsheim und Hessental brauchte mich die Deutsche Bahn nach insgesamt gut 18 Kilometern wohlbehalten nach Hause.
Tag 14 Rindenheim nach
Bahn und Bus und wieder Bahnbringen mich nach Wasseralfingen. Die zwei Kilometer Weg durch das